Vorweg
Das wird jetzt, wie der Titel schon vermuten lässt, kein Wohlfühltext.
Es könnte im blödsten Fall sogar sein, dass mich manche nach diesem Text regelrecht hassen. Aber dann hasst ihr wenigstens authentisch mich. Denn das sind meine Gedanken zu einem Thema, das mir wichtig ist.
Und nun zum Text
Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin falsch. Aber nicht, weil ich trans bin. Nicht, weil ich von manchen dafür gehasst werde, trans zu sein. Sondern, weil ich nicht hasse. Und damit immer wieder in Gruppen, die vorgeben, gegen Hass kämpfen, anecke.
Wir sollten hassen. Hassen sollten wir diejenigen, die mit Aussagen wie
. Also sagen mir immer wieder Artikel und Akteur*innen aus der queeren Szene. Dabei:ich identifiziere mich aber als nicht-menschliches Tier
uns trans Menschen diskreditieren. Widerlich
Gehöre ich doch selbst zu dieser Gruppe. Ja, ich bin eine sogenannte Therianthropin. Mit einfacheren Worten: ich identifiziere mich nicht-metaphorisch als nicht-menschliches Tier. Denn ja, das gibt es. Das habe ich mir genauso wenig ausgesucht wie meine Transgeschlechtlichkeit. Es schadet anderen genauso wenig – wie meine Transgeschlechtlichkeit. Es sorgt für eine Dysphorie, die mich an manchen Tagen fast zerreißt – wie meine Transgeschlechtlichkeit. Und es ist, wo bekannt, ebenso verhasst, wie meine Transgeschlechtlichkeit. Ich habe Angst.
Einschub
Ich halte mehr oder weniger regelmäßig Fortbildungen und Vorträge zu diesem Thema für indirekt Betroffene wie zum Beispiel interessierte Angehörige anderer sogenannter Therians.1 Meine Erfahrung zeigt, dass ich bei schätzungsweise 95 % meines Publikums für Verständnis und Akzeptanz dem Thema gegenüber sorgen könnte, wenn ich den restlichen Text nun diesem Versuch widme.
Und ja, weniger Vorurteile uns gegenüber wären wichtig und toll, aber eine Umwidmung meines Texts darauf auch ein bisschen am Thema vorbei. Entsprechend kann ich nur hoffen, euch durch dieses Coming Out nicht zu verlieren. Wohlgemerkt: entmenschlicht wurde ich gerade sowieso schon. Von mir persönlich, ganz freiwillig.
»Entschmenschlichen«. Sätze wie »wir sind doch alle Menschen«. Schon merkwürdig, wie viel Mehrwert unsere Gesellschaft menschlichen Tieren zuschreibt. Wie viel Abwertung auf Andere alleine in Sätzen steckt, die sich gegen Hass richten. Aber ich schweife ab. Beziehugnsweise: ich schweife zum ursprünglichen Thema zurück.
Also zurück zum Text. Denn ich sagte, ich habe Angst.
Aber was mir mehr Angst macht, als dieses Coming-out als Therian oder Reaktionen darauf: der Umstand an sich, dass ich und Andere kaum Grund zu der Annahme haben, dass das in einer Gruppe, die entweder offen gegenüber oder teils gar selbst trans ist – sonst wärt ihr heute Abend nicht hier – auf weniger Ablehnung stößt als das Thema trans in der breiten Gesellschaft. Weil wir zwar sagen, wir kämpfen gegen Transphobie, aber den zugrundeliegenden Mechanismen mitunter genauso verfallen. Und unsere eigenen Reihen allzu oft anhand Linien eigenen Hasses definieren. Unseres eigenen Hasses auf Gruppen, die für ihre Eigenheiten ebenso wenig können wie wir für unsere. Denn wir sind »wenigstens nicht so bekloppt wie die anderen«. Und im Zuge dessen, so fürchte ich, eigentlich genauso bekloppt wie all die Hassenden!
»Viele, gemeinsam, stark!« Heißt der Leitspruch des CSDs Anno Domini 2026 in Würzburg. Nicht nur ist es eindeutig erkennbar, es ist auch ausgesprochenes Ziel stärker werdender politischer Akteure, uns mit »divide and conquer« auseinander zu treiben. Bis wir irgendwann alleine dastehen. Eben nicht mehr »gemeinsam«. Eben nicht mehr »viele«. Und ganz sicher nicht mehr »stark«.
Davor hab ich Angst. Mehr als vor den uns Hassenden. Die wird es leider immer geben, mit denen werde ich – nein: werden wir auch weiterhin irgendwie klar kommen. Aber das Entscheidende steckt in diesem Wörtchen: »wir«!
Angst habe ich davor, alleine zu sein. Wie wir es alle sein werden, wenn wir nicht endlich aufhören, unsere Reihen entlang des Hasses anderer, immer kleiner werdender Gruppen zu definieren. Und dabei diesen Hass noch nicht mal zu hinterfragen, denn wir sind ja »die Guten«. Die sich gegen Hass stark machen.
Angst habe ich davor, immer mehr das Gefühl zu bekommen, in safer spaces nicht mehr willkommen zu sein, wenn ich zu Themen, in denen ich hasslos bin, nichts sage, aber man von mir erwartet, mich aktiv feindlich zu positionieren. Diese Angst hatte ich wohlgemerkt in den weltoffenen Räumen von vor fünf Jahren noch weniger. Aber sie ist in den letzten Jahren immer akuter geworden. Diese Entwicklung macht mir Angst.
Angst habe ich davor, dass mir die Reaktionen von Antidiskriminierungsgruppen mitunter mehr Angst machten als Reaktionen Diskriminierender, während ich mich in der Studierendenvertretung gegen gruppenbezogene Feindlichkeit – auch gegenüber unbeliebter Gruppen – einsetzte.
Angst habe ich davor, irgendwann aus einem innigen Bedürfnis nach »gemeinsam« heraus, einer Verzweiflung ob eines zerbrechenden »gemeinsam« heraus, selbst einem Hass zu verfallen.
Denn … vielleicht kann ich ja hassen. Nicht Personen für Dinge, für welche diese nichts können. Aber diesen Zwang zum Hass. Den kann ich hassen. Doch ich fürchte, das ist nicht die Art von Hass, die mich vor Hass bewahrt. Wenn Hass zur Erwartung wird. Dann habe ich Angst.
Titelfoto (Symbolbild) von NikolayF.com auf Pixabay
Fußnoten
Mehr Infos dazu unter Vorträge und Workshops 😉↩︎
Wiederverwendung
Zitat
@online{klaschka2026,
author = {Klaschka, Zuri Nimca},
title = {Wenn Hass zur Erwartung wird},
date = {2026-08-17},
url = {https://therian.blog/posts/2608-poetry-slam-hass/},
langid = {de},
abstract = {Ein Poetry-Slam-Text, den ich auf dem queeren Slam in der
Pride Week Würzburg 2026 uraufführen durfte.}
}